Erfolg durch Harmonie

Gedanken in Echtzeit

Als ich mich am Dienstag Abend schlafen legte, wurde mir so richtig bewusst, dass ich am nächsten Tag seit genau 160 Tagen auf der Warteliste für eine neue Lunge stehen werde. Wann und aus welchem Grund ich begonnen habe die Tage zu zählen, weiß ich gar nicht mehr – ich fand es amüsant. inzwischen fühlt es sich seltsam an, aber jetzt damit aufhören fällt mir auch schwer. 160 Tage – ich weiß nicht ob sich das lange oder kurz anhört – 5 Monate – DAS hört sich lang an. Fünf Monate und 8 Tage.

Das Warten an und für sich macht mir nicht soviel aus, denn ich fülle meine Tage mit allen möglichen schönen Dingen für die man sich sonst keine Zeit nimmt. Vor allem versuche ich diese Zeit jetzt so bewusst wie möglich zu erleben und alle Phasen, die ich so durchlebe, besonders gut anzusehen und das Leben das in diesen Tagen ist zu erleben und zu lernen was ich lernen kann und zu lernen habe. Ich glaube fest daran, dass alle Herausforderungen Lehrzeiten sind aus denen wir stärker und mutiger wiedergeboren werden.

Es gibt Phasen die man durchläuft wenn man wartet. Ich kann jetzt natürlich nicht für alle sprechen, aber ich weiß, ich habe am Anfang, also im September, als es eigentlich noch nicht so schlimm war und ich mich auch noch draussen und ohne Sauerstoff bewegen konnte, sicherlich eine depressive Phase gehabt. Ich konnte mich zu gar nichts aufraffen. In solchen Phasen (und auch wenn ich krank bin) mutiere ich zum Couch-Potatoe und kann mich nicht vom Fernseher lösen. Ich schalte ihn ein und nicht wieder aus. Ich schaffe einfach nicht etwas zu tun. Wenn ich aus dieser Phase herauskomme merke ich, dass mich die Sendungen mehr und mehr langweiligen bis ich schließlich den Fernseher am liebsten gar nicht mehr aufdrehen will. Dann bin ich wieder „gesund“.

Kurz darauf hatte ich eine aktive, ja manische Phase. Ich habe tausend Ideen für Projekte im Kopf und mit ebendiesem will ich dann durch alle Wände – ich habe das Gefühl keine Zeit zu haben und alles noch „vorher“ fertig haben zu wollen – vorher – wovor? Na vor der Transplantation! Aber das ist so schwer zu planen – und Projekte ohne fixen End-Zeitpunkt oder fixe Deadline (ein herrlich schwarzes Wortspiel) sind zum Scheitern verurteilt – solche werden nämlich nicht fertig. Niemals nicht.

Durch diese Projektpläne sind natürlich andere Dinge liegen geblieben die mir auch wichtig waren und sind, die aber mehr von mir gefordert hätten und haben. Natürlich sind dabei auch solche Dinge, die man gerne vor sich herschiebt.. aber auch diese werden erledigt. Diese Phase kam dann auch!
Die Wegräum-Phase – kam rund um Weihnachten – ich hab einfach ausgemistet was ging – herrlich! Da wurde auch gleich die Steuer fertig gemacht – wenn man schon mal dabei ist… Ich muss sagen, dass mir diese Phase super gut getan hat! 🙂 Es war zwar sehr anstrengend, aber Ausmisten fühlt sich einfach immer herrlich gut an!

Parallel zu allen Phasen miste ich auch immer mal wieder gerne meine Gedanken aus. Ich muss sagen, dass ich das echt regelmäßig und auch gerne mache, denn da schleichen sich manchmal ein paar Gedanken ein, von denen man gedacht hätte, sie wären schon gar nicht mehr da. Oder manche Gedanken, die man sich gar nicht zugetraut hätte… so dunkel und traurig.
Ich bin ja grundsätzlich jemand, der gerne in die dunkelsten Ecken schaut und ich beschäftige mich gerne mit meinen Ängsten und auch mit den Geschichten, die unangenehm sind. Da geht finde ich am meisten weiter und es lohnt sich. Auch wenn es anstrengend ist. Obwohl – es kann schon auch sein, dass ich da etwas finde, das etwas ganz anderes verdeckt… Naja…

Als vor 3 Wochen der erste Anruf kam, dass es ein Organ für mich gibt hat das eine ganze Menge von Gefühlen und Gedanken ausgelöst…. Zunächst mal war ich super aufgeregt und richtig happy! Trotzdem – es ist kaum zu glauben, aber trotz langer Wartezeit kommt dann der Anruf doch recht plötzlich.

Ich hatte das Gefühl vollkommen unvorbereitet und gar nicht fertig zu sein.

Ich wollte unbedingt noch meine erste von zwei Bachelor Arbeiten fertig bekommen und überhaupt fand ich es ging alles doch recht schnell.

Ich wurde um 6:30 von der Rettung geholt und ins Krankenhaus gebracht. Dort wurde mir Blut abgnommen. Wenn der Patient im Krankenhaus ist, fährt der Chirurg los, zum Spender und das Organ wird angeschaut. Erst dann kann entschieden werden, ob es für mich und für eine Transplantation geeignet ist.
Um 15h endlich kam eine Ärztin mit der schlechten Nachricht. … Irgendwie hatte ich schon damit gerechnet – ein Gefühl… und weil es so lange gedauert hat…

Ich wurde wieder nach Hause geschickt – und war im ersten Moment erleichtert! – Ich bin mir ganz komisch vorgekommen! Hätte ich nicht traurig sein sollen? Ich hatte es mir doch die ganze Zeit gewünscht, dass die Lunge endlich kommt! Und dann bin ich im Krankenhaus und bin nicht total fertig? Ich habe ernsthaft an mir gezweifelt…. Ich dachte nur: dann war es nicht das richtige. Ich kann es wenn ich es hier schreibe selbst noch immer nicht ganz verstehen. Aber es ist noch immer ok für mich. Ich warte – die richtige wird kommen. Ich weiß es. Dann passt es.

Und dann habe ich hoffentlich nicht soviel Zeit zum Nachdenken! 😀

Sind wir Menschen nicht seltsame Wesen?

Ich habe in den letzten Wochen erkannt, dass ich mich in meiner anstrengenden aber bekannten Situation „wohl“ fühle und ich hatte einfach eine sehr große Angst vor der Operation…. und vor allem was ich noch nicht kenne.

Vor 8 Jahren, als die Operation für meine neue Lunge am Vorabend meines 32. Geburtstags um 23:00 begonnen hat, war ich ja schon im Tiefschlaf. Meine Lungen hatten am 8.6. aufgehört zu atmen.

Die Transplantation war am 10. Juni – aufgeweckt wurde ich irgendwann ca 2 Wochen später…

Wie wird es sein nach der OP aufzuwachen? Werde ich Schmerzen haben? Wie wird es sich anfühlen? Wird alles gut gehen? Das Hirn stellt eine Menge Fragen die ich mir nicht beantworten, aber herrlich darüber nachdenken kann..

Lieber das alt-bekannte, auch wenn es ungemütlich ist, behalten, als das Neue mit offenen Armen willkommen zu heißen das man nicht kennt…

Kennt das noch jemand? 😉

Meine Gedanken überraschen mich immer wieder! Gut, dass ich sie bemerke bevor sie richtigen Schaden anrichten können! 🙂

Seit dem Anruf fühlt sich das Warten anders an.

Jetzt wo ich weiß, dass ich sehr weit oben auf der Liste bin, bin ich irgendwie ungeduldiger, aufgeregter. Jeden Abend denke ich mir, es könnte soweit sein.

Seit dem ich weiß, dass ich Angst habe vor dem was ich nicht kenne bin ich aber auch nachsichtiger mit mir. Ich habe aber auch alles fertig gemacht, was mir wichtig ist. Und bin wieder ruhiger. Ich beginne die Tage mit Meditation und lade mich mit positiven Gedanken auf. Ich versuche jeden Tag bereit zu sein und alles was sich nicht ausgeht, kann auch „danach“ erledigt werden. Ich löse mich von allem damit ich in ein neues Leben gehen kann ohne dass ich das Gefühl habe ich wäre nicht „fertig“

Der Yoga und das Leben lehren mich immer wieder demütig und dankbar zu sein für jeden neuen Tag.

Wir wissen alle nicht was als nächstes geschieht wir können immer nur an diesem heutigen Tag das allerbeste geben, das wir haben – und die beste Version unserer selbst sein.

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2 Antworten zu „Gedanken in Echtzeit“

  1. Brigitte

    Liebe Rani, welche Zuversicht! Ich drücke beide Daumen mit, dass die neue Lunge dann kommt, wenn es/sie passt! Und ich bin in Gedanken bei Ihnen, denn leicht wird es sicherlich nicht werden. Aber mit Ihrem Optimismus, der uns alle hier ansteckt und uns lehrt, dass das Leben durchaus lebenswert ist, wird es klappen! Alles Liebe! Herzliche Grüße Brigitte

    Antwort
  2. RoMana-Maria

    Wunderschön – Danke ❤ …und es geht uns allen so, egal was wir nicht kennen ……<3 RoMana

    Antwort

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